| ,Zertifizierung" heißt
das Zauberwort, mit dem jetzt die (Tropen-) Wälder gerettet werden
sollen: Holz, das aus kontrollierter Bewirtschaftung stammt, soll im Handel
mit einem Öko-Siegel versehen werden. Ein Umweltengel für (Tropen)
Holz, sozusagen. Und mehr noch: Mit dem Öko-Siegel für Holz werde
der Raubbau am (Regen-) Wald ein Ende haben. Holzwirtschaft habe dann endgültig
nichts mehr mit Zerstörung des Regenwaldes zu tun - im Gegenteil,
sie soll sogar einen Beitrag zur Erhaltung der Wälder leisten. Denn
Waldgebiete, in denen unter den Auflagen eines Öko-Siegels Holz eingeschlagen
werde, würden wegen der mit dem Ökoaufschlag verbundenen Mehreinnahmen
dauerhaft bewirtschaftet.
Die Nachfrage nach dem neuen
Ökoholz ist vorhanden: Viele Verbraucher wollen wissen, wann denn
das ausgezeichnete Holz erhältlich sei, und auch einige Mitgliedsstädte
des Klima-Bündnisses haben die Absicht geäußert, solches
Holz kaufen zu wollen. Doch viele Umweltverbände, darunter Pro
REGENWALD, sind skeptisch - es ist Vorsicht geboten.
Holz-Zertifizierung
basiert,
speziell in den meisten Tropenländern,
auf einer falschen Voraussetzung:
es gibt dort kein langfristiges
ökonomisches Interesse
Schon seit Jahren argumentieren
die Holzimporteure, es gebe in ihrem Geschäft quasi einen wirtschaftlichen
Automatismus, der den Schutz des Waldes garantiert: eine Holzfirma habe
- allein aus egoistischen Motiven - ein Interesse daran, den Wald zu erhalten
und würde deshalb Holz schonend gewinnen. Denn dadurch könne
sie ihn auch in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren wieder nutzen. Die
Geschichte der Holzwirtschaft in den Tropen und in Ländern der borealen
Zone zeigt bis heute das Gegenteil: ein langfristiges ökonomisches
Interesse gibt es nicht. Oft werden in wenigen Jahren alle verwertbaren
Bäume aus einem Wald herausgeschlagen. Tropische Baumriesen, die Jahrhunderte
gebraucht hatten, um ihren Stammdurchmesser zu erreichen, werden in immer
neuen, bis dahin unerschlossenen Waldgebieten geerntet. So werden die Wälder
auch heute noch für eine weitere Holzwirtschaft nutzlos gemacht.
Der Grund: In der Waldbewirtschaftung
bedeutet langfristige Planung eine Planung über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte.
So langfristig denkt jedoch in den tropenholzexportierenden Ländern
kaum jemand. Nur die Menschen, die im und vom Wald leben wollen, also vor
allem die Ureinwohner, haben wirklich langfristige Interessen und deshalb
solche Nutzungsformen entwickelt. Doch sie werden nicht gefragt oder verdrängt.
Jene, die im Holzexportgeschäft verdienen, sind bislang meist nur
am kurzfristigen Gewinn interessiert. Holzunternehmer versuchen - an den
staatlichen Kontrollen vorbei - soviel Holz wie möglich in kurzer
Zeit aus dem Wald zu holen. Politiker, die im Holzgeschäft verdienen,
sind nicht lange genug im Amt, um ein langfristiges Interesse zu entwickeln.
Es zählt meist nur eines: möglichst schnell absahnen.
Zertifizierung braucht
partizipatorische Rahmenbedingungen
Das Konzept der Zertifizierung
ist in Europa entstanden und in Europa oder auch Nordamerika kann es funktionieren,
denn hier stimmen die Rahmenbedingungen: es gibt stabile politische Verhältnisse,
eine gewisse Transparenz, die Möglichkeit für Verbraucher- und
Umweltverbände, Druck und Kontrolle auszuüben und die Einsicht,
daß Marktwirtschaft gewissen sozialen Rahmenbedingungen untergeordnet
sein sollte. Welches der Holz exportierenden Tropenländer kann nur
einen der genannten Aspekte dauerhaft gewährleisten? In den meisten
dieser Länder funktionieren Pluralismus, Demokratie und Kontrolle
durch soziale Bewegungen nicht. Die Herrschaft wird diktatorisch oder autokratisch
ausgeübt. Kritiker des Holzexports müssen in vielen asiatischen
und afrikanischen Ländern um ihre Freiheit oder sogar um ihr Leben
fürchten.
Es sind die herrschenden Eliten,
die in Tropenländern am Holzexport verdienen. Besonders in den wenig
industrialisierten Ländern ist Tropenholz eines der gewinnbringendsten
Exportgüter. Regierungsmitglieder, die den Holzeinschlag kontrollieren
sollen, sind oft selbst Besitzer von Holzfirmen. Oder sie vergeben Einschlagskonzessionen
an ihre Familienangehörigen. Malaysia und Kamerun, zwei der weltgrößten
Tropenholzexporteure, sind Beispiele dafür, daß hochrangige
Politiker am Holzgeschäft verdienen. Der arme Teil der Bevölkerung
profitiert kaum vom Holzeinschlag, ja oft wird die Lebensgrundlage dieser
Menschen dabei zerstört. Doch die Interessen dieser Bevölkerungsschichten
werden von den Regimes nicht vertreten.
Die Interessen der Ureinwohner
müssen berücksichtigt werden
Klimabündnisstädte
stehen besonders in der Verantwortung bei der Diskussion um Einsatz von
Tropenholz mit oder ohne Zertifizierung - sie wollen sich an den Interessen
der Regenwaldvölker im Amazonasgebiet orientieren. Und deren Interessen
decken sich weitgehend mit den Interessen indigener Völker in anderen
Regenwaldgebieten: Der Wald bildet mit all seinen Funktionen den Mittelpunkt
ihrer Existenz sowie ihrer soziokulturellen Identität, die mittlerweile
durch viele Einflüße von außen, wie überzogene Entwicklungsprojekte,
Straßenbau, Abbau von Bodenschätzen oder Holzwirtschaft bedroht
oder zerstört wird. Indigene Völker fordern den Erhalt ihres
Lebensraums und es liegt außerhalb ihres Verständnisses, wenn
Rettungsansätze für ihren Lebensraum auf Tropenholzvermarktung
mit Zertifikat reduziert werden.
Zertifizierung von
Holz und Holzprodukten darf den Wald
nicht zur Holzfabrik reduzieren
Wälder sind vielfältig
und bringen dem Menschen vielfältigen Nutzen. Die traditionellen Waldbewohner
haben über viele Generationen immer neue Nutzungsmöglichkeiten
entdeckt. Sie sammeln Honig und Heilpflanzen, jagen Wild, ernten Früchte,
sie benutzen Pflanzen zum Hausbau. Die Nutzung sogenannter Nicht-Holz-Produkte
verspricht auf Dauer einen größeren wirtschaftlichen Nutzen
als der Holzeinschlag. Doch Holzeinschlag ist für die herrschenden
Eliten lukrativ - die Sammelprodukte sind es eher für die lokalen
Waldbewohner. Deshalb sind die Regierungen der Tropenländer nur am
Holz interessiert - und ebenso die Importeure im Norden. Die Konzepte zur
Zertifizierung beschränken sich bisher auf die Holzproduktion. Andere
Nutzungsformen werden bei diesem Ansatz zur Walderhaltung ausgeschlossen.
Die Beteiligten haben alle ihren Lebensmittelpunkt nicht im Wald, sondern
eher auf fernen Absatzmärkten oder den Finanzplätzen der Welt.
Schon heute bestehende
Gesetze
müssen eingehalten werden
Die meisten der Länder
in den Tropen, die einen hohen Waldverlust durch Holzwirtschaft verzeichnen,
haben eine ausreichende Gesetzgebung, die den Waldverlust reduzieren könnte,
würden die Gesetze nur angewandt. Leider ist es immer noch so, daß
an der Umsetzung dieser Gesetze wenig Interesse besteht, denn dies würde
die Gewinne der Holzwirtschaft drastisch einschränken. Durch Korruption
und Interessenverflechtung der Politiker mit der Holzwirtschaft werden
in vielen Fällen die bestehenden Gesetze aufgeweicht. Bisher ist ungeklärt,
wie die Zertifizierung dazu beitragen soll, daß die Gesetze landesweit
und wirksam angewendet werden.
Die Kriterien für
eine
nachhaltige Waldwirtschaft sind umstritten
Nachhaltige Bewirtschaftung
heißt dauerhafte Bewirtschaftung. Genauer kann man es nicht fassen,
denn Nachhaltigkeit ist kein wissenschaftlich eindeutig definierter Begriff.
Der Holzhandel sieht zunächst einmal nur die wirtschaftliche Nachhaltigkeit.
Ein Wald, der auf Jahre hinaus im Mittel gleichbleibende Erträge erbringt,
wäre nach dieser Definition nachhaltig bewirtschaftet. Das bedeutet,
man kann in einem Jahr soviel Holzmasse entnehmen, wie in der gleichen
Zeit nachwächst. Doch diese, am wirtschaftlichen Ertrag ausgerichtete
Definition erfüllt auch eine Baumplantage. Plantagen gelten jedoch
nicht gerade als Musterbeispiel ökologischer Bewirtschaftung. Im Grunde
ist eine Plantage das genaue Gegenteil des Regenwaldes, bei dem auf einem
Hektar oft viele hundert verschiedene Baumarten wachsen, die wiederum die
Lebensgrundlage für eine unübersehbare Vielfalt von Tieren und
Pflanzen bilden. Die Umweltverbände meinen daher, daß wirtschaftliche
Nachhaltigkeit allein nicht ausreicht. Nicht der wirtschaftliche Ertrag,
sondern die Erhaltung des Ökosystems Wald muß für Umweltverbände
im Zweifelsfall natürlich im Vordergrund stehen.
In einer "Erklärung zur
Zertifizierung von Waldwirtschaft" vom Februar 1996 stellen die meisten
deutschen Umweltverbände fest, daß Zertifikate nur mit akzeptierten
Kriterien tauglich sind und daß es bisher keine Zertifizierungsinitiative
gibt, die mit allgemein akzeptierten Kriterien arbeitet. Zu diesen Kriterien,
die bisher nicht in ausreichendem Maße erfüllt sind, gehören
u.a.: der Erhalt des Waldes in seiner natürlichen Vielfalt und Dynamik,
die Anerkennung von traditionellen Landrechten, die Zustimmung der lokalen
Bevölkerung (die das Recht zur freien Meinungsäußerung
haben muß), der Verzicht auf Pestizideinsatz und Kahlschläge,
die Veröffentlichung der Prüfkriterien, der Prüfberichte
und der Lage der zertifizierten Waldbetriebe, ein regelmäßiges
Monitoring der ökologischen Auswirkungen und die Unabhängigkeit
des Zertifizierers von Wirtschaft und Politik.
Ohne wirtschaftlichen
Druck
sind keine Fortschritte zu erwarten:
Zertifizierung bisher nur in
Ländern mit Absatzeinbruch
Die meisten deutschen Umweltverbände
rufen bis heute dazu auf, kein Tropenholz zu kaufen, das aus Raubbau stammt.
Tatsächlich ist in Deutschland und in vielen anderen europäischen
Ländern der Verbrauch von Tropenholz in den letzten Jahren stark zurückgegangen.
Viele Baumarktketten haben Tropenhölzer aus ihrem Programm genommen.
Auffallenderweise wird über ein Öko-Siegel für Tropenholz
vor allem in solchen Ländern diskutiert, in denen der kritische Verbraucher
Tropenholz links liegen läßt. In Tropenholz-Importländern
in denen es keine Umsatzeinbrüche gab, ist für die Holzimporteure
der Umweltengel für Tropenholz kein Thema, so beispielsweise in Frankreich
oder in den asiatischen Absatzmärkten, wie Japan, Korea und Taiwan.
Nur wirtschaftlicher Druck hat also die Diskussion über eine Zertifizierung
angeschoben.
Doch ist ein Öko-Siegel
für Tropenholz erst einmal eingeführt, könnte genau die
gegenläufige Entwicklung einsetzen: das grüne Image des zertifizierten
Tropenholzes führt dazu, daß Tropenholz insgesamt wieder besser
dasteht. Damit läßt der Druck nach, auf allen Holzeinschlagflächen
für Verbesserungen zu sorgen. Die Naturschutzverbände befürchten,
der Holzhandel könne das Öko-Siegel verwenden, um mit wenig Aufwand
der gesamten Branche ein grünes Image zu verpassen.
Ob mit oder ohne Zertifizierung:
Holz muß teurer werden
Tropenholz aus kontrollierter
Bewirtschaftung wird immer teurer bleiben als Tropenholz aus Raubbau. Zum
einen, weil bereits eine fachlich fundierte Kontrolle eines Öko-Siegels
Geld kostet: Einschlagflächen, Firmenbücher und Handelswege müssen
überprüft werden. Zum anderen ist eine nachhaltige Bewirtschaftung
teurer als der praktizierte Raubbau, der die Folgekosten der Regenwaldzerstörung
unberücksichtig läßt. Auch werden sich nicht alle Verbraucher
das teurere Holz aus kontrolliertem Einschlag leisten können und wollen.
Was noch schwerwiegender ist:
der hohe Preis für zertifiziertes Holz könnte zum Betrug verleiten.
Nach dem derzeitigen Diskussionstand müssen die Anbieter von zertifiziertem
Holz nicht alle ihre Flächen umstellen. Waldbesitzer oder Konzessionäre
können ein Waldstück zertifizieren lassen und ein anderes nicht.
Dies läßt massive ,Schwarzgeschäfte" erwarten.
Zertifizierung braucht
wirksame Begleitmaßnahmen
Solle die Zertifizierung von
Holzprodukten ein glaubwürdiges Instrument zur Walderhaltung werden,
müssen u.a. die Subventionen für waldzerstörende oder mit
Waldwirtschaft konkurrierende Branchen (ölpalmplantagen, Sojaanbau,
Verkehrsinfrastruktur) abgestellt werden. Darüber hinaus muß
angesichts der zu hohen Nachfrage nach dem Rohstoff Holz weltweit massiv
an der Verbrauchsreduzierung gearbeitet werden - denn derzeit werden die
Wälder noch auf den Absatz hingetrimmt (anstelle umgekehrt den Verbrauch
der nachhaltigen Produktion anzupassen).
Die Bereitschaft zur freiwilligen
Anwendung der besseren Waldbewirtschaftung verlangt zudem Maßnahmen
in den Importländern, die billigeres Raubbauholz vom Markt drängen
- diese sind bisher nicht vorgesehen.
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