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Holzzertifizierung allein wird die Wälder nicht retten
Diskussion um Ökosiegel lenkt auch vom Problem ab
aus News-Letter Nr.8, Dezember 1996 von Pro Regenwald e.V.
,Zertifizierung" heißt das Zauberwort, mit dem jetzt die (Tropen-) Wälder gerettet werden sollen: Holz, das aus kontrollierter Bewirtschaftung stammt, soll im Handel mit einem Öko-Siegel versehen werden. Ein Umweltengel für (Tropen) Holz, sozusagen. Und mehr noch: Mit dem Öko-Siegel für Holz werde der Raubbau am (Regen-) Wald ein Ende haben. Holzwirtschaft habe dann endgültig nichts mehr mit Zerstörung des Regenwaldes zu tun - im Gegenteil, sie soll sogar einen Beitrag zur Erhaltung der Wälder leisten. Denn Waldgebiete, in denen unter den Auflagen eines Öko-Siegels Holz eingeschlagen werde, würden wegen der mit dem Ökoaufschlag verbundenen Mehreinnahmen dauerhaft bewirtschaftet.

Die Nachfrage nach dem neuen Ökoholz ist vorhanden: Viele Verbraucher wollen wissen, wann denn das ausgezeichnete Holz erhältlich sei, und auch einige Mitgliedsstädte des Klima-Bündnisses haben die Absicht geäußert, solches Holz kaufen zu wollen. Doch viele Umweltverbände, darunter Pro REGENWALD, sind skeptisch - es ist Vorsicht geboten. 

Holz-Zertifizierung basiert,
speziell in den meisten Tropenländern, 
auf einer falschen Voraussetzung:
es gibt dort kein langfristiges 
ökonomisches Interesse
Schon seit Jahren argumentieren die Holzimporteure, es gebe in ihrem Geschäft quasi einen wirtschaftlichen Automatismus, der den Schutz des Waldes garantiert: eine Holzfirma habe - allein aus egoistischen Motiven - ein Interesse daran, den Wald zu erhalten und würde deshalb Holz schonend gewinnen. Denn dadurch könne sie ihn auch in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren wieder nutzen. Die Geschichte der Holzwirtschaft in den Tropen und in Ländern der borealen Zone zeigt bis heute das Gegenteil: ein langfristiges ökonomisches Interesse gibt es nicht. Oft werden in wenigen Jahren alle verwertbaren Bäume aus einem Wald herausgeschlagen. Tropische Baumriesen, die Jahrhunderte gebraucht hatten, um ihren Stammdurchmesser zu erreichen, werden in immer neuen, bis dahin unerschlossenen Waldgebieten geerntet. So werden die Wälder auch heute noch für eine weitere Holzwirtschaft nutzlos gemacht. 

Der Grund: In der Waldbewirtschaftung bedeutet langfristige Planung eine Planung über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte. So langfristig denkt jedoch in den tropenholzexportierenden Ländern kaum jemand. Nur die Menschen, die im und vom Wald leben wollen, also vor allem die Ureinwohner, haben wirklich langfristige Interessen und deshalb solche Nutzungsformen entwickelt. Doch sie werden nicht gefragt oder verdrängt. Jene, die im Holzexportgeschäft verdienen, sind bislang meist nur am kurzfristigen Gewinn interessiert. Holzunternehmer versuchen - an den staatlichen Kontrollen vorbei - soviel Holz wie möglich in kurzer Zeit aus dem Wald zu holen. Politiker, die im Holzgeschäft verdienen, sind nicht lange genug im Amt, um ein langfristiges Interesse zu entwickeln. Es zählt meist nur eines: möglichst schnell absahnen. 

Zertifizierung braucht 
partizipatorische Rahmenbedingungen
Das Konzept der Zertifizierung ist in Europa entstanden und in Europa oder auch Nordamerika kann es funktionieren, denn hier stimmen die Rahmenbedingungen: es gibt stabile politische Verhältnisse, eine gewisse Transparenz, die Möglichkeit für Verbraucher- und Umweltverbände, Druck und Kontrolle auszuüben und die Einsicht, daß Marktwirtschaft gewissen sozialen Rahmenbedingungen untergeordnet sein sollte. Welches der Holz exportierenden Tropenländer kann nur einen der genannten Aspekte dauerhaft gewährleisten? In den meisten dieser Länder funktionieren Pluralismus, Demokratie und Kontrolle durch soziale Bewegungen nicht. Die Herrschaft wird diktatorisch oder autokratisch ausgeübt. Kritiker des Holzexports müssen in vielen asiatischen und afrikanischen Ländern um ihre Freiheit oder sogar um ihr Leben fürchten.  Es sind die herrschenden Eliten, die in Tropenländern am Holzexport verdienen. Besonders in den wenig industrialisierten Ländern ist Tropenholz eines der gewinnbringendsten Exportgüter. Regierungsmitglieder, die den Holzeinschlag kontrollieren sollen, sind oft selbst Besitzer von Holzfirmen. Oder sie vergeben Einschlagskonzessionen an ihre Familienangehörigen. Malaysia und Kamerun, zwei der weltgrößten Tropenholzexporteure, sind Beispiele dafür, daß hochrangige Politiker am Holzgeschäft verdienen. Der arme Teil der Bevölkerung profitiert kaum vom Holzeinschlag, ja oft wird die Lebensgrundlage dieser Menschen dabei zerstört. Doch die Interessen dieser Bevölkerungsschichten werden von den Regimes nicht vertreten. 
Die Interessen der Ureinwohner 
müssen berücksichtigt werden
Klimabündnisstädte stehen besonders in der Verantwortung bei der Diskussion um Einsatz von Tropenholz mit oder ohne Zertifizierung - sie wollen sich an den Interessen der Regenwaldvölker im Amazonasgebiet orientieren. Und deren Interessen decken sich weitgehend mit den Interessen indigener Völker in anderen Regenwaldgebieten: Der Wald bildet mit all seinen Funktionen den Mittelpunkt ihrer Existenz sowie ihrer soziokulturellen Identität, die mittlerweile durch viele Einflüße von außen, wie überzogene Entwicklungsprojekte, Straßenbau, Abbau von Bodenschätzen oder Holzwirtschaft bedroht oder zerstört wird. Indigene Völker fordern den Erhalt ihres Lebensraums und es liegt außerhalb ihres Verständnisses, wenn Rettungsansätze für ihren Lebensraum auf Tropenholzvermarktung mit Zertifikat reduziert werden. 
Zertifizierung von 
Holz und Holzprodukten darf den Wald
nicht zur Holzfabrik reduzieren
Wälder sind vielfältig und bringen dem Menschen vielfältigen Nutzen. Die traditionellen Waldbewohner haben über viele Generationen immer neue Nutzungsmöglichkeiten entdeckt. Sie sammeln Honig und Heilpflanzen, jagen Wild, ernten Früchte, sie benutzen Pflanzen zum Hausbau. Die Nutzung sogenannter Nicht-Holz-Produkte verspricht auf Dauer einen größeren wirtschaftlichen Nutzen als der Holzeinschlag. Doch Holzeinschlag ist für die herrschenden Eliten lukrativ - die Sammelprodukte sind es eher für die lokalen Waldbewohner. Deshalb sind die Regierungen der Tropenländer nur am Holz interessiert - und ebenso die Importeure im Norden. Die Konzepte zur Zertifizierung beschränken sich bisher auf die Holzproduktion. Andere Nutzungsformen werden bei diesem Ansatz zur Walderhaltung ausgeschlossen. Die Beteiligten haben alle ihren Lebensmittelpunkt nicht im Wald, sondern eher auf fernen Absatzmärkten oder den Finanzplätzen der Welt. 
Schon heute bestehende Gesetze 
müssen eingehalten werden
Die meisten der Länder in den Tropen, die einen hohen Waldverlust durch Holzwirtschaft verzeichnen, haben eine ausreichende Gesetzgebung, die den Waldverlust reduzieren könnte, würden die Gesetze nur angewandt. Leider ist es immer noch so, daß an der Umsetzung dieser Gesetze wenig Interesse besteht, denn dies würde die Gewinne der Holzwirtschaft drastisch einschränken. Durch Korruption und Interessenverflechtung der Politiker mit der Holzwirtschaft werden in vielen Fällen die bestehenden Gesetze aufgeweicht. Bisher ist ungeklärt, wie die Zertifizierung dazu beitragen soll, daß die Gesetze landesweit und wirksam angewendet werden. 
 
Die Kriterien für eine 
nachhaltige Waldwirtschaft sind umstritten 
Nachhaltige Bewirtschaftung heißt dauerhafte Bewirtschaftung. Genauer kann man es nicht fassen, denn Nachhaltigkeit ist kein wissenschaftlich eindeutig definierter Begriff. Der Holzhandel sieht zunächst einmal nur die wirtschaftliche Nachhaltigkeit. Ein Wald, der auf Jahre hinaus im Mittel gleichbleibende Erträge erbringt, wäre nach dieser Definition nachhaltig bewirtschaftet. Das bedeutet, man kann in einem Jahr soviel Holzmasse entnehmen, wie in der gleichen Zeit nachwächst. Doch diese, am wirtschaftlichen Ertrag ausgerichtete Definition erfüllt auch eine Baumplantage. Plantagen gelten jedoch nicht gerade als Musterbeispiel ökologischer Bewirtschaftung. Im Grunde ist eine Plantage das genaue Gegenteil des Regenwaldes, bei dem auf einem Hektar oft viele hundert verschiedene Baumarten wachsen, die wiederum die Lebensgrundlage für eine unübersehbare Vielfalt von Tieren und Pflanzen bilden. Die Umweltverbände meinen daher, daß wirtschaftliche Nachhaltigkeit allein nicht ausreicht. Nicht der wirtschaftliche Ertrag, sondern die Erhaltung des Ökosystems Wald muß für Umweltverbände im Zweifelsfall natürlich im Vordergrund stehen.  In einer "Erklärung zur Zertifizierung von Waldwirtschaft" vom Februar 1996 stellen die meisten deutschen Umweltverbände fest, daß Zertifikate nur mit akzeptierten Kriterien tauglich sind und daß es bisher keine Zertifizierungsinitiative gibt, die mit allgemein akzeptierten Kriterien arbeitet. Zu diesen Kriterien, die bisher nicht in ausreichendem Maße erfüllt sind, gehören u.a.: der Erhalt des Waldes in seiner natürlichen Vielfalt und Dynamik, die Anerkennung von traditionellen Landrechten, die Zustimmung der lokalen Bevölkerung (die das Recht zur freien Meinungsäußerung haben muß), der Verzicht auf Pestizideinsatz und Kahlschläge, die Veröffentlichung der Prüfkriterien, der Prüfberichte und der Lage der zertifizierten Waldbetriebe, ein regelmäßiges Monitoring der ökologischen Auswirkungen und die Unabhängigkeit des Zertifizierers von Wirtschaft und Politik. 
Ohne wirtschaftlichen Druck 
sind keine Fortschritte zu erwarten:
Zertifizierung bisher nur in 
Ländern mit Absatzeinbruch
Die meisten deutschen Umweltverbände rufen bis heute dazu auf, kein Tropenholz zu kaufen, das aus Raubbau stammt. Tatsächlich ist in Deutschland und in vielen anderen europäischen Ländern der Verbrauch von Tropenholz in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Viele Baumarktketten haben Tropenhölzer aus ihrem Programm genommen. Auffallenderweise wird über ein Öko-Siegel für Tropenholz vor allem in solchen Ländern diskutiert, in denen der kritische Verbraucher Tropenholz links liegen läßt. In Tropenholz-Importländern in denen es keine Umsatzeinbrüche gab, ist für die Holzimporteure der Umweltengel für Tropenholz kein Thema, so beispielsweise in Frankreich oder in den asiatischen Absatzmärkten, wie Japan, Korea und Taiwan. Nur wirtschaftlicher Druck hat also die Diskussion über eine Zertifizierung angeschoben.  Doch ist ein Öko-Siegel für Tropenholz erst einmal eingeführt, könnte genau die gegenläufige Entwicklung einsetzen: das grüne Image des zertifizierten Tropenholzes führt dazu, daß Tropenholz insgesamt wieder besser dasteht. Damit läßt der Druck nach, auf allen Holzeinschlagflächen für Verbesserungen zu sorgen. Die Naturschutzverbände befürchten, der Holzhandel könne das Öko-Siegel verwenden, um mit wenig Aufwand der gesamten Branche ein grünes Image zu verpassen. 
Ob mit oder ohne Zertifizierung:
Holz muß teurer werden
Tropenholz aus kontrollierter Bewirtschaftung wird immer teurer bleiben als Tropenholz aus Raubbau. Zum einen, weil bereits eine fachlich fundierte Kontrolle eines Öko-Siegels Geld kostet: Einschlagflächen, Firmenbücher und Handelswege müssen überprüft werden. Zum anderen ist eine nachhaltige Bewirtschaftung teurer als der praktizierte Raubbau, der die Folgekosten der Regenwaldzerstörung unberücksichtig läßt. Auch werden sich nicht alle Verbraucher das teurere Holz aus kontrolliertem Einschlag leisten können und wollen.  Was noch schwerwiegender ist: der hohe Preis für zertifiziertes Holz könnte zum Betrug verleiten. Nach dem derzeitigen Diskussionstand müssen die Anbieter von zertifiziertem Holz nicht alle ihre Flächen umstellen. Waldbesitzer oder Konzessionäre können ein Waldstück zertifizieren lassen und ein anderes nicht. Dies läßt massive ,Schwarzgeschäfte" erwarten. 
Zertifizierung braucht
wirksame Begleitmaßnahmen
Solle die Zertifizierung von Holzprodukten ein glaubwürdiges Instrument zur Walderhaltung werden, müssen u.a. die Subventionen für waldzerstörende oder mit Waldwirtschaft konkurrierende Branchen (ölpalmplantagen, Sojaanbau, Verkehrsinfrastruktur) abgestellt werden. Darüber hinaus muß angesichts der zu hohen Nachfrage nach dem Rohstoff Holz weltweit massiv an der Verbrauchsreduzierung gearbeitet werden - denn derzeit werden die Wälder noch auf den Absatz hingetrimmt (anstelle umgekehrt den Verbrauch der nachhaltigen Produktion anzupassen). 

Die Bereitschaft zur freiwilligen Anwendung der besseren Waldbewirtschaftung verlangt zudem Maßnahmen in den Importländern, die billigeres Raubbauholz vom Markt drängen - diese sind bisher nicht vorgesehen. 
 

Quelle:  Pro REGENWALD e.V.
Frohschammerstr. 14, 80807 München
Tel: 089-359 8650, Fax: 089-359 6622
e-mail: prmunic@amazonas.comlink.apc.org


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